Über die Babylotsen der Charité

An der Charité kommen jährlich mehr als 5.000 Kinder zur Welt. Wir fühlen uns für all diese Neugeborenen mitverantwortlich und wollen, dass sie den bestmöglichen Start ins Leben haben. Die Babylotsen vermitteln jungen Eltern deshalb bei Bedarf auf Wunsch frühzeitige Hilfen – um sie in ihrer Verantwortung zu unterstützen und den Kindern ein behütetes und gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

Filme und Flyer auf dieser Seite zeigen, wie die Babylotsen der Charité helfen können.

Die Angebote der Babylotsen sind für Eltern kostenlos.

 

 

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Unser Anliegen: Ihre Freude auf Familienleben

Die Schwangerschaft und vor allem die Geburt eines Kindes bedeuten einen Umbruch im Leben werdender Eltern und junger Familien, dessen Ausmaß oft unterschätzt wird. Die (bevorstehende) Ankunft eines Kindes krempelt Partnerschaft und Alltagsleben völlig um. Das ist durchaus normal und spannend, kann aber auch gelegentlich Gefühle von Überforderung und manchmal sogar Krisen verursachen, die sich auch auf Wachstum, Entwicklung und Gesundheit des Kindes und das Wohlbefinden der gesamten Familie auswirken können.

Wir möchten mit unseren "Lotsendiensten" dazu beitragen, dass sich Mütter und Väter nach der Geburt ihres Kindes gut informiert und versorgt auf das Familienleben freuen können.

Die Babylotsen der Charité

Die Babylotsen der Charité wurden 2012 mit Unterstützung der Bundesinitiative Frühe Hilfen als Modellprojekt eingerichtet. So werden frühzeitig Möglichkeiten eröffnet, Belastungen von Eltern rund um die Geburt zu erkennen und gemeinsam mit ihnen einen Hilfeplan zu erstellen. Durch die passgenaue Unterstützung und/oder die Vermittlung konkreter Anlaufstellen in Wohnortnähe sowie gegebenenfalls von Hilfen zuhause können Überforderungen rechtzeitig vermieden werden. Dies erleichtert es Eltern, "gute Eltern" zu sein.

Die Möglichkeit zur Beratung und Unterstützung steht allen Eltern offen, selbst wenn keine objektiven Belastungen erkennbar sind oder gefunden wurden.

Das Angebot ist für alle Eltern kostenlos.

Wie arbeiten die Babylotsen der Charité?

Die Grundlage für die Unterstützungsangebote an die Eltern bildet eine spezielle Anamnese anhand eines Anhaltsbogens (im Forschungsprojekt "Babylotse-Plus-Screeningbogen" genannt). Dieser wurde von uns auf seine Sensitivität und Spezifität überprüft (siehe Bundesgesundheitsblatt 10/2016). Zusätzlich werden unspezifische Wahrnehmungen seitens des qualifizierten Personals (Hebammen, (Kinder-)Krankenschwestern, Ärzte) systematisch aufgenommen und ausgewertet. 

Die Anamnese erfolgt durch Hebammen, Krankenschwestern/Medizinische Fachangestellte und/oder Ärzte. Die Babylotsinnen werten die Bögen aus. Finden sie Hinweise auf mögliche Überforderungen, psychosoziale Probleme oder besondere Belastungen bieten sie der Mutter/den Eltern ein ausführliches, persönliches Gespräch an. Häufig können bereits in diesem ausführlichen Gespräch Lösungen aufgezeigt und entsprechende Hilfestellungen angeboten werden.

Im Bedarfsfall wird den Eltern eine auf sie zugeschnittene individuelle Unterstützung und Begleitung vermittelt. Die Eltern werden in die Charité-internen Hilfesysteme (Sozialdienst, Elternberatung, Psychosomatische Sprechstunde, Infektambulanz, Charité gegen Gewalt, Kinderschutzgruppe etc.) weitergeleitet. Falls nötig erhalten sie konkrete Adressen, Namen und Telefonnummern der Ansprechpartner in bereits bestehenden externen Hilfesystemen (Projekte der Frühen Hilfen, Familienhebammen, KJGD, Jugendamt u. a.) oder sie werden durch die Babylotsinnen direkt dorthin vermittelt. Durch diese konkreten Hilfsangebote sinkt die Hemmschwelle, Unterstützung anzunehmen. Die bestehenden Hilfestrukturen können effizient genutzt werden.

Nach 3-4 Wochen und nach 3-4 Monaten nehmen die Babylotsinnen telefonisch Kontakt zu den Eltern sowie zu der Einrichtung, in die vermittelt wurde, auf. (Dies wird vorab mit den Müttern/Eltern vereinbart). Bei diesem "Monitoring" soll geklärt werden, ob die Familie im Hilfesystem angekommen ist, ob die benannten Probleme gelöst wurden oder ob erneute Fragen aufgetaucht sind.

Darüber hinaus können alle Familien auch von sich aus bei den Babylotsinnen anfragen, wenn sie Rat, Adressen für Anlaufstellen oder andere Unterstützung benötigen.

Wichtig ist uns: Das Angebot, die Hilfe der Babylotsinnen anzunehmen, ist freiwillig.

Jeder Schritt wird gemeinsam mit den Eltern entwickelt – nichts geschieht ohne ihre Zustimmung.

Warum brauchen wir Babylotsen?

Im ersten Lebensjahr sterben mehr Kinder infolge von Vernachlässigung und Misshandlung als in jedem späteren Alter. Laut Statistischem Bundesamt können mehr als ein Drittel aller tödlichen Verletzungen bei Säuglingen auf Gewalthandlungen zurückgeführt werden. Die Rate der tödlichen Verletzungen durch Gewalteinwirkung gegen Säuglinge ist in der Zeit zwischen 2001 und 2010 auf konstant hohem Niveau geblieben. 2013 wurden in Deutschland 153 Kinder tödlich misshandelt, 113 davon waren unter 6 Jahre alt (Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes, nach Tsokos: Zu den Grenzen eines effektiven Kinderschutzes, in: Berliner Ärzte, 10/2014).

Überforderung, fehlende familiäre Unterstützung, Depression und andere psychische Störungen der Eltern, Drogen- und insbesondere Alkoholkonsum und -abusus sowie fehlende oder ungenügende Eltern-Kind-Bindung können dem vorausgehen. Aber auch andere Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Überschuldung und allgemeine Schwierigkeiten bei der Integration können Vernachlässigung und Misshandlung, ungenügende/unterlassene Aufsicht, Gedeihstörungen (z. B. Unterernährung/invasives Füttern), Schütteltrauma, andere Misshandlungen und emotionale Vernachlässigung mit lebenslangen Folgen verursachen (Filsinger et al 2008; Siefert 2006).

Eine Auswertung von 19 Hilfsprojekten in elf Bundesländern durch das Deutsche Jugendinstitut 2008 hat deutlich gemacht, dass nur ein systematischer und umfassender Zugang zu allen Familien, den primär das Gesundheitssystem ermöglicht, die Grundlage dafür bietet, Risiken zu einem frühen Zeitpunkt zu erkennen und dann gezielt Hilfe leisten zu können (www.fruehehilfen.de).

Trotz der Bemühungen seitens des Gesetzgebers (Bundeskinderschutzgesetz 2012 und Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz/KKG) und trotz des hohen Engagements des sozialen Hilfesystems (KJGD, Familienhebammen u.v.a.m.) sowie privater und caritativer Initiativen gelingt es nicht ausreichend, jungen Familien rechtzeitig die notwendige Hilfe zukommen zu lassen und damit ein bestmögliches Aufwachsen der Kinder zu ermöglichen.

Der Berliner Senat hat das Netzwerk Kinderschutz auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Alle Erst-Eltern werden nach der Geburt durch eine gut funktionierende Struktur, die von vielen Eltern sehr geschätzt wird, besucht. Allerdings kann es sein, dass – außer bei bekannten Risiken – dieser erste Besuch erst einige Wochen bis Monate nach der Geburt stattfindet. Eine Überforderungssituation der Eltern setzt aber – unerkannt – oft schon direkt nach der Geburt ein, sodass Hausbesuche oder Aufforderungen zu den Routineuntersuchungen, wie sie im "Gelben Heft" des Gemeinsamen Bundesausschusses für die Untersuchunen U1-U9 des "Verbindlichen Einladungswesens" vorgesehen sind, womöglich (zu) spät kommen.

Zudem ist vielen jungen Eltern das bestehende Angebot an Unterstützungen nicht bekannt oder die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen und anzunehmen, ist zu hoch (soziale- oder Sprachbarrieren etc.).

Nicht zu unterschätzen ist auch der Anteil von jungen Eltern, die ihre eigene Überlastungssituation viel zu spät oder gar nicht erkennen (z. B. bei postpartalen Depressionen etc.).

Warum so früh?

Ein erfolgversprechender früher Schutz für Kinder sollte früh, spätestens aber um die Geburt herum beginnen. Zu diesem Zeitpunkt stellen sich bei den Familien häufig viele Fragen und Belastungen ein. Dann sind besonders bereit, Rat und Hilfe anzunehmen. Der hierbei hergestellte Kontakt wird im Laufe der ersten zwei Lebensjahre von den Müttern/Eltern gern genutzt. Das eröffnet ihnen und uns die Möglichkeit, Überforderungen rechtzeitig zu erkennen und die passende Unterstützung durch das bereits bestehende Hilfesystem zu vermitteln.

Die Finanzierung des Projekts

Die Finanzierung des Projekts "Babylotse der Charité" an den Standorten Campus Virchow-Klinikum (CVK) und Campus Charité Mitte (CCM) wurde  seit seiner Gründung 2012 bis Ende 2017 durch verschiedene Stiftungen, Spenden und Beiträge von Firmen und privaten Spendern sowie die Senatsverwaltung für Bildung, Frauen und Jugend sowie das Bezirksamt Mitte getragen.

Seit 2018 trägt die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung den größten Teil der Kosten für das Projekt.

Wie Sie die Babylotsen der Charité unterstützen können und wer uns bereits unterstützt, können Sie unter Engagement nachschauen.

 

 

Wie geht es weiter?

Inzwischen hat sich eine intensive und konstruktive Zusammenarbeit mit den Hilfesystemen, nicht nur in den Bezirken Mitte und Wedding, sondern mit vielen anderen Berliner Bezirken entwickelt, wodurch sich schnelle und erfolgreiche Hilfswege eröffnen.

Das Präventionsprojekt "Babylotse der Charité" wird auch von solchen Familien in hohem Maß akzeptiert, die sich üblicherweise dem Hilfesystem entziehen. Dabei erleichtert "Babylotse" spürbar den Kontakt zwischen dem KJGD (Kinder-Jugend-Gesundheitsdienst) und den Jugendämtern der Bezirke zu den Familien.

Evaluation und Risikoscreening

Tabelle 1: Evaluation Tätigkeiten der Babylotsinnen der Charité 2017
Tabelle 1: Evaluation Tätigkeiten der Babylotsinnen der Charité 2017
Tabelle 2: Externe Weiterleitungen der Babylotsinnen der Charité 2017
Tabelle 2: Externe Weiterleitungen der Babylotsinnen der Charité 2017

Durch die Auswertung der Anhaltsbögen und der Beratungsverläufe erheben wir monatlich Daten zur Inanspruchnahme der Babylotsinnen, zum Bedarf an Beratung, zur Vermittlung und vielem mehr. Die Evaluationsergebnisse zeigen eine kontinuierlich hohe Rate an Beratungsbedarf. Dies ist unter anderem durch die Lage der Klinikstandorte in sozialen Brennpunkten und auch durch das besondere Versorgungsprofil einer Universitätsklinik mit vielen Risikoschwangerschaften erklärbar.

Zusätzlich zu unserer eigenen Evaluation arbeiten wir gemeinsam mit allen Babylotse-Projekten Deutschlands im "Qualitätsverbund Babylotse". Hier werden die qualitativen Standards weiter entwickelt und abgestimmte Kennzahlen ausgewertet.

Die Babylotsinnen führten 2017 das Risikoscreening bei >87 % (2016 bei 82 %) aller etwa 5.500 Geburten pro Jahr durch (Tabelle 1). 50 % aller Familien weisen Belastungsfaktoren auf, denen in einem klärenden Gespräch nachgegangen wird. 33 % der Mütter bedürfen einer Beratung.

558 Familien benötigen darüber hinaus Unterstützung von bestehenden Strukturen (Weiterleitung intern/innerhalb der Charité + Weiterleitungen extern), an die sie weitervermittelt werden (alle Zahlen: Stand Ende 2017).

An welche externe Hilfestrukturen die Mütter/Familien weitergeleitet wurden, zeigt Tabelle 2.

Sie wollen uns unterstützen?

Spendenkonto "Babylotse der Charité"

Charité
-Universitätsmedizin
Bank für Sozialwirtschaft
Verwendungszweck: Babylotse/Spende
  
IBAN: DE 3610 0205 0000 0322 0200  
BIC: BFSWDE33BER
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